Die Ente aus Holz

Als meine Nichte zur Welt kam, wollte ich ihr etwas schenken, das ich mit meinen eigenen Händen gemacht habe. Eine rollbare Ente, ausgesägt aus einem dicken Stück Eichenholz, mit vier Rollen statt zwei Füßen. Ich hatte ein ziemlich klares Bild im Kopf. Wie lange mich dieses Bild beschäftigen würde, ahnte ich noch nicht.

Ente skizzieren, Ente aussägen, Ente endlos schleifen, doch dann kam die größte Herausforderung: Die rollbaren Füße. Sie sollten sich leicht drehen und gleichzeitig so fest sitzen, dass meine Nichte nie ein Kleinteil lösen und womöglich verschlucken könnte.

Ich habe Pläne gemacht, ausprobiert und wieder über den Haufen geworfen. Wie viele Stunden das waren, weiß ich bis heute nicht. Die Lösung war am Ende fast unscheinbar: zwei Löcher quer durch den Bauch der Ente, in jedem eine Aluminiumröhre und darin eine dünnere, mit den Rollen verbohrt, verklebt und auf der anderen Seite befestigt. Dann noch anmalen und trocknen lassen, schon war sie bereit - um beim ersten Ausprobieren auf den Boden zu fallen und den Schnabel zu verlieren :').

Selbst gebaute weiße Holzente mit gelbem Schnabel, grünem Flügel und gelben Rädern, gehalten in einer Hand in der Werkstatt
Die Ente aus Holz.

Am deutlichsten erinnere ich mich aber an etwas anderes: In diesen Stunden habe ich komplett die Zeit vergessen. Ich brauchte keine Musik und keine Unterhaltung. Mein Puls ging runter, der Kopf wurde ruhig, und irgendwann war es draußen dunkel.

Vielleicht kennst du solche Momente auch, beim Gärtnern, beim Musizieren, beim Kochen für Freunde oder beim Reparieren eines alten Fahrrads. Sie fühlen sich gut an. Vieles spricht dafür, dass sie auch deinem biologischen Alter guttun. Dein kalendarisches Alter zählt die Jahre seit deiner Geburt. Dein biologisches Alter beschreibt, in welchem Zustand dein Körper tatsächlich ist, etwa wie stark ihn Stress und stille Entzündungen schon belastet haben. Genau hier setzt eine Leidenschaft an. Doch warum erholt sie dich so viel besser als ein Abend auf dem Sofa?

Warum Ausruhen nicht dasselbe ist wie Erholen

Nach einem langen Tag liegt es nahe, sich einfach fallen zu lassen: Fernseher an, Handy in die Hand. Das fühlt sich nach Pause an, und manchmal ist es genau das Richtige. Oft bleibt der Kopf dabei aber unruhig. Gedanken an die Arbeit laufen nebenher weiter, und nach zwei Stunden fühlst du dich kaum frischer als vorher.

Bei einer Tätigkeit, die dich ganz in Anspruch nimmt, passiert etwas anderes. Deine Aufmerksamkeit ist vollständig bei der Sache, für Grübeleien bleibt kein Platz. Dein Körper bekommt dadurch, was ihm im Alltag oft fehlt: eine echte Pause vom Alarmmodus. Wie gut das funktionieren kann, zeigte eine Studie der Drexel University in Philadelphia. 39 Erwachsene verbrachten 45 Minuten damit, zu malen, zu zeichnen oder mit Ton zu arbeiten. Danach war bei drei von vier Teilnehmenden der Spiegel des Stresshormons Cortisol gesunken. Ob jemand künstlerische Erfahrung hatte, spielte keine Rolle.

Das ist für dein biologisches Alter relevant, denn ein dauerhaft erhöhter Cortisolspiegel fördert stille Entzündungen im Körper. Dazu mehr hier (Artikel: Stress und Entspannung).

Eine Leidenschaft ist deshalb mehr als Zeitvertreib. Sie ist eine Form der Erholung, die den Kopf wirklich zur Ruhe bringt.

Doch es geht nicht nur um einzelne Stunden. Eine große Studie aus Japan zeigt, was passiert, wenn Menschen wissen, wofür sie morgens aufstehen.

Ikigai: Ein Wort, das es im Deutschen nicht gibt

Im Japanischen gibt es ein Wort, für das es im Deutschen keine genaue Entsprechung gibt: Ikigai. Es bedeutet ungefähr „das, wofür es sich zu leben lohnt“. Das kann eine Aufgabe sein, ein Hobby, die Familie oder ein Garten, um den man sich kümmert.

Forschende der Universität Tohoku wollten wissen, ob dieses Gefühl mehr ist als eine schöne Idee. Sie fragten rund 43.000 Erwachsene in der Region Ohsaki, ob sie ein Ikigai haben, und begleiteten sie anschließend sieben Jahre lang.

Das Ergebnis war deutlich: Wer ein Ikigai hatte, lebte im Schnitt länger. Der Unterschied zeigte sich vor allem bei Herz und Kreislauf, also genau dort, wo Dauerstress und stille Entzündungen ihre Spuren hinterlassen.

Dass es sich nicht um eine japanische Besonderheit handelt, zeigt eine Studie aus den USA. Dort wurden über 6.000 Menschen 14 Jahre lang begleitet. Auch hier lebten diejenigen länger, die einen Sinn in ihrem Leben sahen, und zwar in jungen Jahren genauso wie im Ruhestand.

Zu wissen, wofür du morgens aufstehst, ist kein Luxus. Es geht mit einem längeren Leben einher.

Und es gibt etwas, das diesen Effekt offenbar noch verstärkt.

Warum geteilte Leidenschaft doppelt zählt

Eine weitere Studie aus Japan begleitete rund 48.000 Menschen ab 65 Jahren und schaute genauer hin, welche Freizeitbeschäftigungen mit einem längeren Leben einhergingen. Je mehr Aktivitäten jemand pflegte, desto länger lebte er im Schnitt. Besonders deutlich war der Zusammenhang bei allem, was man gemeinsam mit anderen unternimmt oder bei dem man sich bewegt, etwa im Sportverein, in der Wandergruppe oder bei einem Projekt in der Nachbarschaft.

Das passt zu dem, was wir über soziale Beziehungen wissen. Wer eine Leidenschaft mit anderen teilt, verbindet zwei starke Einflüsse auf das biologische Alter: das Gefühl, etwas Sinnvolles zu tun, und Menschen, auf die man sich freut. Dazu mehr hier (Artikel: Soziales Netz).

Das heißt nicht, dass ein Hobby für dich allein wenig bringt. Auch die Stunden in der Werkstatt oder am Klavier sind wertvolle Erholung. Wer sie ab und zu mit anderen teilt, legt einfach noch etwas obendrauf. Manchmal reicht es schon, für jemanden eine Ente zu bauen oder eine Halskette selber zusammenzubasteln.

Was aber, wenn dir gerade gar nichts einfällt, wofür du brennst?

Wie du findest, wofür du brennst

Dafür brauchst du weder eine große Lebensaufgabe noch ein teures Hobby. Leidenschaft entsteht selten auf Knopfdruck, sondern meist aus Neugier, die man ernst nimmt. Ein guter Ausgangspunkt ist die Frage, was dich früher begeistert hat, als noch niemand etwas von dir erwartete. Oder womit du dich beschäftigst, wenn du einmal ganz ungestört bist.

Probier Dinge aus, ohne dich gleich festzulegen: einen Schnupperkurs an der Volkshochschule, einen Nachmittag in einer offenen Werkstatt oder ein Ehrenamt für ein paar Stunden im Monat. Als Faustregel gilt: Wenn du auf die Uhr schaust und überrascht bist, wie spät es schon ist, bist du auf einer guten Spur.

Am Ende zählt weniger, was du tust, als dass es einen festen Platz in deinem Leben bekommt. Eine Leidenschaft wirkt nicht durch einen einzigen Nachmittag, sondern dadurch, dass du immer wieder zu ihr zurückkehrst.

Für dein biologisches Alter zählt nicht, wie besonders dein Hobby ist, sondern wie oft es dich die Zeit vergessen lässt.

Wo der BioAge-Test hilft und wo nicht

Auch der BioAge-Test fragt, ob du etwas hast, wofür du brennst, und wie du deine freie Zeit verbringst. Er kann ein Anstoß sein, einmal ehrlich hinzuschauen, was dir gerade Kraft gibt.

Zum BioAge-Test

Häufige Fragen zu Leidenschaft, Sinn und biologischem Alter

Zählt auch meine Arbeit, wenn sie mich erfüllt?

Ja. Sinn kann genauso im Beruf entstehen wie im Hobby. Wichtig ist, dass daneben genug Raum für Erholung bleibt.

Tut ein Ehrenamt dem biologischen Alter gut?

Vieles spricht dafür. Eine Auswertung mehrerer Studien fand, dass ältere Menschen, die sich ehrenamtlich engagierten, im Schnitt länger lebten. Ein Ehrenamt verbindet Sinn, Gemeinschaft und oft auch Bewegung.

Bin ich zu alt, um noch etwas Neues anzufangen?

Nein. In einer Studie aus Texas lernten Menschen zwischen 60 und 90 Jahren drei Monate lang digitale Fotografie oder Quilten. Danach hatte sich ihr Gedächtnis messbar verbessert, stärker als bei reiner Geselligkeit ohne neue Herausforderung.

Was, wenn mich gerade gar nichts begeistert?

Phasen, in denen wenig Funken springt, kennen viele, etwa in stressigen Zeiten. Kleine Schritte helfen, die Neugier wieder zu wecken. Hält die Lustlosigkeit über Wochen an und macht auch früher Schönes keine Freude mehr, lohnt sich ein Gespräch in deiner Hausarztpraxis.