Lebensläufe aus dem Kloster
In den 1930er-Jahren baten die Oberinnen eines katholischen Ordens in den USA ihre jungen Novizinnen um etwas Einfaches: einen kurzen, handgeschriebenen Lebenslauf. Die Frauen waren Anfang zwanzig und standen kurz vor ihrem Gelübde. Sie schrieben über ihre Kindheit, ihre Familie und darüber, warum sie ins Kloster gehen wollten. Manche Texte klangen nüchtern und knapp. Andere waren voller Vorfreude, Dankbarkeit und Zuversicht.
Jahrzehnte später stießen Forschende auf diese Blätter. Sie werteten die Lebensläufe von 180 Schwestern aus, zählten, wie viele positive Gefühle darin vorkamen, und verglichen das mit dem weiteren Leben der Frauen. Das Ergebnis war verblüffend: Die Schwestern, deren Texte am fröhlichsten klangen, erreichten deutlich häufiger ein sehr hohes Alter als jene, deren Texte am nüchternsten waren.
Bemerkenswert ist das auch deshalb, weil alle Frauen jahrzehntelang unter sehr ähnlichen Bedingungen lebten: gleicher Tagesablauf, gleiche Mahlzeiten, gleiche Arbeit. Viele Unterschiede, die solche Vergleiche sonst verzerren, fielen hier weg.
Die Studie wirft eine spannende Frage auf: Kann die Art, wie du auf dein Leben blickst, beeinflussen, wie schnell du alterst? Dein kalendarisches Alter zählt die Jahre seit deiner Geburt. Dein biologisches Alter beschreibt, in welchem Zustand dein Körper tatsächlich ist, etwa wie stark ihn Stresshormone und stille Entzündungen schon belastet haben. Genau dort scheint die innere Haltung anzusetzen. Doch wie genau?
Was gute Gefühle in deinem Körper verändern
Ein Teil der Antwort liegt in den Stresshormonen. Eine Forschungsgruppe in London begleitete gut 200 Angestellte einen ganzen Arbeitstag lang und fragte sie immer wieder, wie glücklich sie sich gerade fühlten. Gleichzeitig maßen die Forschenden Puls und Cortisol im Speichel. Wer sich häufiger glücklich fühlte, hatte über den Tag hinweg weniger Cortisol im Körper, die Männer zudem einen ruhigeren Puls.
Stell dir einen guten Stoßdämpfer vor. Die Schlaglöcher auf der Straße bleiben dieselben, aber sie kommen weniger hart an. So ähnlich wirken positive Gefühle: Sie nehmen dem Alltag nicht seine Belastungen, aber sie federn ab, wie stark dein Körper darauf reagiert. Auf Dauer kann das stille Entzündungen dämpfen, die als einer der Treiber des biologischen Alterns gelten. Dazu mehr hier (Artikel: Stress und Entspannung).
Ganz so einfach ist es allerdings nicht. Eine der größten Studien zum Thema, die britische Million Women Study mit rund 700.000 Frauen, kam zu einem überraschenden Ergebnis: Wer sich unglücklich fühlte, lebte nicht automatisch kürzer. Oft war es umgekehrt, und wer krank war, wurde dadurch unglücklich. Nachdem die Forschenden den Gesundheitszustand berücksichtigt hatten, verschwand der Zusammenhang weitgehend.
Glück auf Knopfdruck ist also kein Gesundheitsrezept. Deutlich klarer ist die Studienlage bei einer verwandten Eigenschaft: dem Optimismus.
Was passiert, wenn man Optimisten über Jahrzehnte begleitet?
Optimismus heißt nicht, alles rosig zu sehen. Gemeint ist die Erwartung, dass sich die Dinge im Großen und Ganzen gut entwickeln, und das Vertrauen, selbst etwas dazu beitragen zu können.
Wie viel diese Haltung ausmachen kann, untersuchte ein Team aus Boston. Es wertete die Daten von fast 70.000 Krankenschwestern aus, die zehn Jahre lang begleitet wurden, und von rund 1.400 Männern, deren Gesundheit über 30 Jahre verfolgt wurde. Die optimistischsten Teilnehmenden lebten im Schnitt 11 bis 15 Prozent länger als die am wenigsten optimistischen. Und sie erreichten deutlich häufiger ein Alter von 85 Jahren. Der Unterschied blieb auch dann bestehen, als die Forschenden Vorerkrankungen, Bewegung, Ernährung und Alkohol berücksichtigten.
Eine Auswertung vieler Studien mit zusammen rund 230.000 Menschen zeigt in dieselbe Richtung. Optimisten erlitten rund ein Drittel seltener einen Herzinfarkt oder Schlaganfall. Fachleute vermuten, dass sie Belastungen schneller verarbeiten, Probleme eher aktiv angehen und besser auf ihre Gesundheit achten.
Optimismus heißt nicht, Probleme zu übersehen. Es heißt, ihnen mit der Erwartung zu begegnen, dass du sie lösen kannst.
Bleibt die Frage, ob man so eine Haltung einfach hat oder nicht.
Dankbarkeit: Wie sich Zuversicht trainieren lässt
Die gute Nachricht: Optimismus ist nur zu einem kleineren Teil angeboren. Zwillingsstudien deuten darauf hin, dass etwa ein Viertel bis ein Drittel davon in den Genen liegt. Der Rest entsteht durch Erfahrungen und Gewohnheiten, und Gewohnheiten lassen sich verändern.
Einer der einfachsten Wege führt über die Dankbarkeit. Die Psychologen Robert Emmons und Michael McCullough baten Studierende, zehn Wochen lang einmal pro Woche fünf Dinge aufzuschreiben, für die sie dankbar waren. Eine Vergleichsgruppe notierte stattdessen die Ärgernisse der Woche. Am Ende blickten die Dankbaren zuversichtlicher auf die kommende Woche und auf ihr Leben insgesamt. Sie bewegten sich mehr und berichteten über weniger körperliche Beschwerden.
Dahinter steckt ein einfacher Mechanismus. Unser Gehirn achtet von Natur aus stärker auf Gefahren und Probleme als auf das, was gut läuft. Für unsere Vorfahren war das überlebenswichtig. Wer regelmäßig bewusst das Gute benennt, lenkt die Aufmerksamkeit gezielt in die andere Richtung. Mit der Zeit wird daraus ein Blick, der auch in schwierigen Phasen noch Lichtblicke findet.
Wie lässt sich das in deinen Alltag einbauen?
Kleine Übungen, die den Blick verändern
Eine der bekanntesten Übungen heißt „Drei gute Dinge“. Schreib abends drei Dinge auf, die heute gut gelaufen sind, und dazu kurz, warum. Es dürfen Kleinigkeiten sein: ein gutes Gespräch, die Sonne auf dem Weg zur Arbeit, ein gelungenes Abendessen. In einer Studie des Psychologen Martin Seligman sollten die Teilnehmenden das eine Woche lang tun. Viele machten freiwillig weiter, und noch ein halbes Jahr später fühlten sie sich glücklicher als zu Beginn.
Ich selbst war dieser Übung gegenüber lange skeptisch. Trotzdem habe ich sie über eine längere Zeit ausprobiert und gemerkt, wie sehr sie mir geholfen hat, auch in schwierigen Phasen den Blick nach vorn zu richten. Irgendwann habe ich mich sogar darauf gefreut, abends noch einmal auf das Gute des Tages zu schauen, statt beim Negativen hängen zu bleiben.
Auch Optimismus lässt sich im Alltag üben. Wenn etwas schiefgeht, hilft die Frage, was davon du beeinflussen kannst und was der nächste kleine Schritt wäre. Als Faustregel gilt: Wenn du dich beim Grübeln oder Zweifeln ertappst, stell dir vor, ein guter Freund erzählt dir von genau deiner Situation und davon, wie sehr er gerade zweifelt. Wie würdest du reagieren? Vermutlich würdest du ihn beruhigen, das Gute an seiner Lage hervorheben und das Schwierige in Perspektive rücken. Genau so darfst du auch mit dir selbst umgehen und dich selbst mal aus der Perspektive eines guten Freundes betrachten.
Wie beim Training zählt dabei nicht der einzelne Abend, sondern die Wiederholung. Ein paar Minuten am Tag reichen, wenn sie zur Gewohnheit werden.
Für dein biologisches Alter zählt nicht, ob du immer gut gelaunt bist, sondern ob du immer wieder den Blick für das Gute findest.
Wo der BioAge-Test hilft und wo nicht
Auch der BioAge-Test fragt, wie glücklich du dich insgesamt fühlst, und lässt dich einschätzen, wie dankbar und zuversichtlich du auf dein Leben blickst. Er kann ein Anstoß sein, einmal ehrlich hinzuschauen, wie es dir gerade geht. Mehr als ein erster Check-in ist er dabei aber nicht. Ein offenes und ehrliches Gespräch mit einem Menschen, dem du vertraust, oder mit einer Fachperson kann er keineswegs ersetzen.
Häufige Fragen zu Glück, Optimismus und biologischem Alter
Ist Optimismus nicht naiv?
Nicht, wenn er realistisch bleibt. Gesunder Optimismus nimmt Probleme ernst und vertraut darauf, dass sie lösbar sind. Naiv wäre es, Schwierigkeiten auszublenden oder sich zu zwingen, immer gut gelaunt zu sein.
Werde ich mit dem Alter glücklicher?
Viele Studien deuten darauf hin. Die Lebenszufriedenheit verläuft oft wie eine flache U-Kurve: Um die Lebensmitte erreicht sie einen Tiefpunkt, danach steigt sie bei vielen Menschen wieder an.
Hilft Bewegung gegen schlechte Laune?
Ja. Regelmäßige Bewegung hebt nachweislich die Stimmung, schon zügiges Gehen kann helfen. Dazu mehr hier (Artikel: Ausdauer).
Woran erkenne ich, ob ein Tief mehr ist als eine schlechte Phase?
Tiefs gehören zum Leben. Wenn Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit oder Freudlosigkeit aber länger als zwei Wochen fast jeden Tag anhalten, solltest du das ärztlich abklären lassen. Eine Depression ist eine Erkrankung, die sich gut behandeln lässt.