Ein rosa Faden im Waschbecken
Es ist Abend, du putzt dir die Zähne wie jeden Tag. Du spuckst aus, und durch den Schaum im Waschbecken zieht sich ein rosa Faden. Vielleicht hast du zu fest geschrubbt, denkst du, und am nächsten Morgen ist es vergessen.
So geht es vielen. Zahnfleischbluten gilt als Kleinigkeit, als etwas, das eben manchmal passiert. Meist ist es aber ein Zeichen dafür, dass das Zahnfleisch entzündet ist. Und das ist weiter verbreitet, als man denkt: In der aktuellen Deutschen Mundgesundheitsstudie hatten fast alle untersuchten 35- bis 44-Jährigen zumindest eine beginnende Parodontitis, also eine Entzündung, die vom Zahnfleisch auf den Halteapparat der Zähne übergegriffen hat.
Was hat das mit deinem biologischen Alter zu tun? Dein kalendarisches Alter zählt die Jahre seit deiner Geburt. Dein biologisches Alter beschreibt, in welchem Zustand dein Körper tatsächlich ist, zum Beispiel wie elastisch deine Gefäße sind. Zu den Kräften, die es nach oben treiben, gehört eine leise Entzündung, die über Jahre unbemerkt anhält. Eine ihrer Quellen sitzt dort, wo kaum jemand sie vermutet.
Parodontitis: Eine Wunde, die du nicht siehst
Zwischen Zahn und Zahnfleisch liegt eine schmale Furche. Sammeln sich dort Bakterien, reagiert das Zahnfleisch mit einer Entzündung: Es wird rot, schwillt an und blutet leicht. Bleibt der Belag, gräbt sich die Entzündung tiefer. Es entstehen Taschen, in denen sich weitere Bakterien einnisten, und der Knochen um den Zahn zieht sich langsam zurück.
Weil das an vielen Zähnen gleichzeitig passiert, kommt einiges zusammen. Bei Menschen, die wegen Parodontitis in Behandlung kamen, summierte sich die entzündete Fläche in einer japanischen Auswertung im Mittel auf rund 13 Quadratzentimeter, etwa so groß wie eine Streichholzschachtel. Es ist eine offene Wunde, nur eben gut versteckt.
Über diese Wunde gelangen Bakterien und Entzündungsstoffe ins Blut. Dein Immunsystem bleibt dadurch dauerhaft in leichter Alarmbereitschaft. Eine Auswertung von 39 Studien mit über vier Millionen Menschen zeigte: Wer ein gesundes Zahnfleisch hatte, bekam seltener Herz-Kreislauf-Erkrankungen und lebte im Schnitt länger. Aber liegt das wirklich am Zahnfleisch, oder leben Menschen mit gepflegten Zähnen einfach insgesamt gesünder? Um das zu klären, braucht es einen Versuch.
Können gesunde Zähne die Gefäße jünger halten?
Genau diesen Versuch unternahm ein Team um den Parodontologen Maurizio Tonetti in London. 120 Menschen mit schwerer Parodontitis wurden zufällig in zwei Gruppen eingeteilt. Die eine Gruppe bekam die übliche Reinigung oberhalb des Zahnfleischs. Bei der anderen wurden die Zahnfleischtaschen unter örtlicher Betäubung gründlich gesäubert. Gemessen wurde dann nicht nur im Mund, sondern auch am Arm: wie gut sich die Armarterie weitet, wenn mehr Blut hindurchfließt. Das zeigt, wie elastisch und gesund die Gefäße sind.
Am Tag nach der Behandlung sah es zunächst schlechter aus. Die gründliche Reinigung hatte den Körper kurz aufgewühlt, die Entzündungswerte im Blut stiegen, und die Gefäße weiteten sich schlechter als in der Vergleichsgruppe. Nach zwei Monaten hatte sich das Bild gedreht. Nach einem halben Jahr arbeiteten die Gefäße der gründlich behandelten Gruppe deutlich besser, und je stärker sich das Zahnfleisch erholt hatte, desto größer war der Gewinn.
Elastische Gefäße sind einer der Gründe, warum manche Körper biologisch jünger sind als andere. Dazu mehr hier (Artikel: Ausdauer).
Was im Mund passiert, bleibt nicht im Mund. Wer sein Zahnfleisch pflegt, tut auch etwas für seine Gefäße.
Wie du dein Zahnfleisch gesund hältst
Die gute Nachricht: Gegen die meisten Zahnfleischentzündungen hilft Routine mehr als jedes Spezialprodukt. Die Grundlage ist, zweimal am Tag zwei Minuten mit fluoridhaltiger Zahnpasta zu putzen. Die Zahnbürste erreicht allerdings nur die Flächen, die sie berührt, und gerade zwischen den Zähnen beginnt die Entzündung oft. Deshalb gehört einmal am Tag die Reinigung der Zwischenräume dazu. Kleine Zwischenraumbürsten schnitten in Studien etwas besser ab als Zahnseide. Wo die Lücken sehr eng sind, ist Zahnseide aber die richtige Wahl.
Dazu kommt die Kontrolle in der Zahnarztpraxis, ein- bis zweimal im Jahr. Dort fällt früh auf, ob sich Taschen bilden, lange bevor du selbst etwas merkst. Blutet dein Zahnfleisch trotz gründlicher Pflege über ein bis zwei Wochen weiter, lohnt es sich, nicht bis zum nächsten Termin zu warten.
Rauchen ist einer der stärksten Einzelfaktoren für Parodontitis, und es verschleiert sie sogar. Weil die Gefäße enger sind, blutet das Zahnfleisch bei Rauchenden seltener, obwohl es entzündet ist. Dazu mehr hier (Artikel: Rauchen).
Am Ende ist es wie bei vielem, was dein biologisches Alter beeinflusst: Den Unterschied macht nicht die einzelne Großaktion, sondern die zwei Minuten, die du jeden Abend wieder investierst.
Wo du beim Thema Zähne stehst
Wie du deine Zähne und dein Zahnfleisch pflegst, ist eine der Fragen im BioAge-Test. Zusammen mit 24 weiteren Fragen ergibt sich daraus eine Schätzung deines biologischen Alters und ein Überblick, wo bei dir am meisten zu holen ist.
Häufige Fragen zu Zähnen und biologischem Alter
Elektrische oder Handzahnbürste: Was ist besser?
Beide funktionieren, wenn du gründlich putzt. In Studien entfernten elektrische Zahnbürsten, vor allem rotierende Modelle, etwas mehr Belag und verringerten Zahnfleischentzündungen etwas stärker. Wer mit der Handzahnbürste sorgfältig putzt, muss nicht umsteigen.
Was zahlt die Krankenkasse?
Die gesetzliche Kasse zahlt zweimal im Jahr die Kontrolle, einmal im Jahr das Entfernen von Zahnstein und alle zwei Jahre eine kurze Untersuchung des Zahnfleischs (PSI). Die professionelle Zahnreinigung ist keine Kassenleistung, viele Kassen bezuschussen sie aber. Lass dir die jährliche Kontrolle außerdem im Bonusheft eintragen, das erhöht später den Zuschuss, falls du Zahnersatz brauchst.
Woran erkenne ich eine Parodontitis?
Typische Zeichen sind Zahnfleischbluten, gerötetes oder geschwollenes Zahnfleisch, Mundgeruch, freiliegende Zahnhälse und Zähne, die locker werden. Schmerzen kommen oft erst spät oder gar nicht. Gewissheit gibt nur die Untersuchung in der Zahnarztpraxis.
Ich habe Diabetes. Spielt das Zahnfleisch dann eine besondere Rolle?
Ja. Diabetes und Parodontitis verstärken sich gegenseitig. In einer Auswertung von 30 Studien senkte eine Parodontitis-Behandlung bei Menschen mit Diabetes den Langzeitzuckerwert in den Monaten danach spürbar. Sprich deine Zahnarztpraxis deshalb ausdrücklich auf deinen Diabetes an.
Hilft eine Mundspülung?
Sie kann ergänzen, aber nicht ersetzen. Zahnbürste und Zwischenraumbürste entfernen den Belag mechanisch, das schafft keine Spülung. Antibakterielle Spülungen können bei einer Entzündung für kurze Zeit sinnvoll sein, am besten nach Rücksprache mit deiner Zahnarztpraxis.